Selbstbegegnungen: Identitätsorientierte Psychotraumatheorie (IoPT)

Selbstbegegnungen und die Identitätsorientierte Psychotraumatheorie
Franz Ruppert, Psychotherapeut in München, entwickelt seit über dreißig Jahren ein Erklärungsmodell dafür, wie frühe Verletzungen weiterwirken – und dazu eine Form, mit der sich das untersuchen lässt. Beides zusammen heißt heute Identitätsorientierte Psychotraumatheorie, kurz IoPT. Die Methode hieß lange „Aufstellung des Anliegens“ und wird inzwischen „Selbstbegegnung“ genannt.
Hier steht zuerst das Modell und danach die Arbeit damit, im Einzelnen und in der Gruppe. Was davon für Dich stimmt, können wir gemeinsam herausfinden – wenn Du möchtest.
Stress und Trauma sind nicht dasselbe
Unter Stress ist der Körper hoch aktiviert. Es gibt viel Energie, und es gibt etwas zu tun – angreifen oder fliehen. Das ist anstrengend, aber es ist nicht hilflos.
Zum Trauma wird eine Situation erst, wenn beides nicht geht. Wenn Angriff und Flucht nichts nützen oder den Schaden sogar vergrößern. Dann kippt der Organismus ins Gegenteil: Erstarrung, Zusammensacken, Dissoziation. Die Kräfte ziehen sich in die Mitte zurück, damit das Nötigste weiterläuft.
Entscheidend ist also nicht, wie schlimm etwas von außen aussieht, sondern ob jemand in diesem Moment etwas tun konnte, und durch das Umfeld die notwendige Unterstützung währenddessen und hinterher erhalten hat.
Drei Anteile
Was beim Erstarren abgespalten wird, bleibt abgespalten. Ruppert beschreibt die Psyche danach als geteilt in drei Arten von Anteilen:
Die gesunden Anteile. Sie nehmen wahr, fühlen, denken klar, erinnern, wollen etwas. Sie wissen, dass etwas fehlt, und suchen danach.
Die traumatisierten Anteile. In ihnen ist eingekapselt, was damals unerträglich war: Angst, Schmerz, Wut, Scham, Ekel. Sie sind an diesem Punkt stehengeblieben und suchen zugleich unablässig einen Weg ins Bewusstsein.
Die Überlebensanteile. Sie halten die Spaltung aufrecht. Sie lenken ab, vermeiden, kontrollieren, betäuben, erklären, reden, arbeiten. Sie bauen eine Welt, in der das Unerträgliche nicht vorkommt.
Am dritten Punkt entscheidet sich, wie man mit dem Modell umgeht. Die Überlebensanteile sind kein Fehler und kein Gegner. Sie haben einmal das Leben gerettet und tun seitdem unermüdlich ihre Arbeit. Dass sie heute im Weg stehen, heißt nicht, dass sie weg müssen. Das ist dieselbe Haltung wie beim Körperspüren: mit dem Schutz gehen, nicht dagegen.
Eine Reihenfolge, kein Befund
Ruppert ordnet die Traumaformen danach, wann sie im Leben entstehen. Daraus wird bei ihm eine Psychotrauma-Biographie: Trauma der Identität, Trauma der Liebe, Trauma der Sexualität, Trauma der eigenen Täterschaft. Dazu kommen Existenz-, Verlust- und Gesundheitstraumata, die an jeder Stelle dazwischenkommen können.
Am Anfang steht bei ihm die Frage, ob ein Kind gewollt war. Nicht gewollt, nicht geliebt, nicht geschützt – diese drei nennt er die Trauma-Trias.
Es ist ein Erklärungsmodell, keine Zuschreibung. Niemand stellt an Dir fest, wo Du in dieser Reihenfolge stehst. Du musst auch nichts davon glauben, um mit der Methode zu arbeiten.
Was das Modell allerdings erklärt, ist, warum die Methode so aussieht, wie sie aussieht. Wenn das Wesentliche vor dem zweiten Lebensjahr geschehen ist, also vor der Sprache und vor dem Erinnern in Episoden, dann hilft Nachfragen wenig. Es gibt nichts zu erzählen. Ruppert vergleicht das mit dem Mann, der seinen Schlüssel unter der Straßenlaterne sucht – nicht, weil er ihn dort verloren hat, sondern weil es dort hell ist.
Das Anliegen
Dreh- und Angelpunkt ist ein Satz, den Du selbst schreibst.
Er kann eine Frage sein, ein Wunsch, ein paar einzelne Wörter, eine Zeichnung, alles zusammen. Die Zahl der Elemente, mit denen dann gearbeitet wird, hat Ruppert über die Jahre immer weiter heruntergesetzt: erst neun, dann sieben, heute höchstens drei. Für sich selbst nimmt er oft nur zwei. Sein Beispiel: Ich Zahnschmerzen.
Vor der Anliegenfindung wird bewusst wenig gesprochen – keine Vorgeschichte, keine Nachfragen, keine Einordnung. Das ist kein Desinteresse. Es verhindert, dass meine Vorstellung davon, worum es bei Dir geht, in Deinen Satz hineinwandert.
Am Anliegen wird nichts verbessert. Keine Umformulierung, keine Präzisierung, keine Korrektur von Rechtschreibung oder Grammatik. Erfahrungsgemäß sind gerade die „Fehler“ bedeutsam.
„Wichtig ist, dass es das Anliegen des jeweiligen Menschen selbst ist und nicht durch einen Begleiter vorgeben oder zu verbessern versucht wird. Wenn es das eigene Anliegen ist, dann ist es genau das richtige zu dem Zeitpunkt, an dem die Selbstbegegnung stattfindet.“
— Franz Ruppert, Ich will leben, lieben und geliebt werden
Ein Anliegen ist auch nicht notwendigerweise eine Problembeschreibung oder ein Ziel. Es ist der Punkt, an dem Du gerade hinschauen möchtest.
Resonanz
Dann bekommen die Wörter einen Platz außerhalb von Dir.
In der Gruppe geht für jedes Wort ein Mensch in Resonanz. Er weiß nichts über Dich, oft sieht er Dich zum ersten Mal. Er sagt, was er wahrnimmt, in seinen eigenen Worten: ein Gefühl, ein Impuls, ein Satz, ein Bild, manchmal eine Bewegung, manchmal nichts.
Warum das funktioniert, weiß ich nicht. Ruppert weiß es auch nicht; er sagt das offen und nennt seine Vermutungen Vermutungen. Ich halte es genauso. Dass etwas verlässlich geschieht, ohne dass man es erklären kann, ist ein Grund, behutsam damit umzugehen – kein Grund, es zu lassen, und erst recht keiner, eine Erklärung zu erfinden.
Was dabei entsteht, ist keine Aufstellung eines Familiensystems. Es stehen keine realen Personen da, sondern die Teile Deines eigenen Satzes. Daher der Name Selbstbegegnung.
In der Gruppe
Das Anliegen wird aufgeschrieben, sodass alle es sehen. Die höchstens drei Elemente kommen auf Zettel.
Wer einbringt, sucht sich die Resonanzgebenden selbst aus und bittet sie. Dann wird es still, und es dauert. Danach geht es von einem zum nächsten, und zwar in der Reihenfolge, die Du bestimmst. Du sagst auch, wann Schluss ist. Manchmal fügt man im Verlauf noch Stellvertreter für die Mutter dazu, manchmal für den Vater.
Alle anderen sitzen im Außenkreis und schauen zu. Das ist keine Nebenrolle. In aller Regel nimmt jede und jeder aus einem fremden Prozess etwas Eigenes mit.
Wie eine Gruppe aussehen kann, in der das Anliegen den Rahmen gibt und sonst so wenig wie möglich dazukommt, steht bei den Freien Aufstellungen.
Im Einzelsetting
Ohne Gruppe geht es auch, nur anders.
Statt Menschen gehen Gegenstände in Resonanz: Sogenannte Bodenanker in verschiedenen Formen, Farben und Größen, oder was im Raum gerade da ist. Online nimmst Du Dinge aus Deiner eigenen Umgebung – schon die Wahl erzählt dann etwas.
Du legst sie so hin, wie es sich von innen anfühlt, auf den Boden oder auf den Tisch vor Dir. Dann entscheidest Du, mit welchem Du zuerst in Kontakt gehst: Dich daraufstellen, es in die Hand nehmen, davor sitzen. Und dann wird gewartet, bis Gefühle oder Erinnerungen hochkommen.
Es ist langsamer und kleiner und intimer als in der Gruppe. Für vieles ist das der passendere Rahmen.
Was von mir kommt
Wenig, und das mit Absicht.
Ich deute nicht. Ich formuliere nichts um. Ich schlage keine Lösungssätze vor und habe kein Bild davon, wie es am Ende aussehen sollte. Ich stelle nichts an Dir fest.
Was ich tue: den Rahmen halten, die Zeit geben, die es braucht, dableiben, wenn es eng wird, und darauf achten, dass Pausen Pausen bleiben. ‚Nein‘ ist auch hier eine vollständige Antwort; mehr dazu in meiner Arbeitsweise.
Wenn etwas hochkommt, wofür Worte zu früh sind, gehen wir zurück in den Körper und machen langsam. Das ist kein Abbruch, sondern der Weg. Wie das aussieht, steht beim angeleiteten Körperspüren.
Wenn Du weitergehen möchtest
Wenn Du es ausprobieren möchtest, melde Dich bei mir. Wo ich das gelernt habe, steht unter Erfahrungen.
Ich arbeite nicht psychotherapeutisch. Bei der Suche nach einer passenden Therapieform oder einem passenden Gegenüber helfe ich gern. Die IoPT als Trauma-Theorie und die Methode der Selbstbegegnung kann sowohl in therapeutischen Kontexten zur Aufdeckung unbewusster Muster und Linderung von Traumafolgestörungen als auch – wie bei mir – bei ausreichender psychischer Stabilität in leicht abgewandelter Form und Achtung von Grenzen in beratenden Kontexten zur Stärkung des Selbstwirksamkeitserlebens zum Einsatz kommen.
Franz Ruppert führt eine Empfehlungsliste: Menschen, die die Weiterbildung bei ihm oder an einem von ihm lizenzierten Institut gemacht haben und mit der Anliegenmethode arbeiten. Dort steht auch der Hinweis auf einen Unterstützungsfonds für bis zu fünf Selbstbegegnungen, wenn die Kosten sonst nicht zu tragen sind. Den Antrag stellt der begleitende Mensch, nicht Du.
Bestehende IoPT-Gruppen und weiterführende Begleitung in München bieten neben Franz Ruppert unter anderem Marion Nebbe, Christina Freund und Helmut Glas.
»Ich bin jetzt wieder ein Bewohner meines Körpers. Ich fühle mich in meinem Körper zuhause.« – Satz am Ende einer Anliegenarbeit, zitiert von Franz Ruppert
Franz Ruppert: Identitätsorientierte Psychotraumatheorie (IoPT)
Vivian Broughton: Trauma und Identität. Identitätsorientierte Psychotraumatherapie, Theorie und Praxis – deutsche Ausgabe, Green Balloon Publishing 2024; im Original „Trauma and Identity“ (2021)
Vivian Broughton: Zurück in mein Ich. Das kleine Handbuch zur Traumaheilung – deutsch von Karin Petersen und Ursula Bischoff, Kösel 2023, mit einem Nachwort von Franz Ruppert
Franz Ruppert: Wer bin ich in einer traumatisierten Gesellschaft?
Das Bild am Anfang dieser Seite malte die Künstlerin CeeCee. Vielen Dank für die Nutzungserlaubnis!
